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Neuseenstadt 2040. Geschichte einer Unternehmerin Ricarda Stöckel
Portrait | Werke

Neuseenstadt 2040. Geschichte einer Unternehmerin
ISBN-13: 978-3-95744-923-8
1. Auflage 2015-11
Engelsdorfer Verlag
Sprache: Deutsch
Paperback, Format: 21x15
224 Seiten

Preis: 12,00 EUR
Kaufen | Leseprobe | eBook



Beschreibung:
Sommer 2040 in Neuseenstadt bei Leipzig: Jutta Herbst schaut dem Jubiläum ihrer Firma »ServiceAktiv« entgegen. Vor fünfunddreißig Jahren war ihre Geschäftsidee auf einer Bank am See entstanden. Inzwischen hat sich hier ein besonderes Wohngebiet mit hoher Lebensqualität für alle Generationen entwickelt. Es zeigt im Kleinen, wie sich große gesellschaftliche Probleme lösen lassen. Als eine junge Reporterin in den zwanzig Tagen vor Juttas neunzigstem Geburtstag das Geheimnis dieses Geschäftserfolgs aufspürt, wird die Unternehmerin von den Konflikten ihrer Vergangenheit eingeholt. - Ricarda Stöckel wurde 1950 in Zwenkau bei Leipzig geboren und erlebte in ihrer Jugend die Landschaftszerstörung durch den Braunkohleabbau hautnah mit. Nach einer Ausbildung als Schriftsetzer und dem Studium polygrafischer Maschinen arbeitete sie in Leipzig in einem Maschinenbaubetrieb, in einem Forschungsinstitut, in einer Druckerei und ab 1990 bei der ersten deutsch-deutschen Zeitung »Wir in Leipzig«. Ab 1993 war sie zehn Jahre als Redakteurin in einem Energieversorgungsunternehmen tätig. Ricarda Stöckel ist seit 1971 verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und ein Enkelkind. Sie lebt mit ihrem Mann in Leipzig und betätigt sich als Journalistin und Autorin.

Neuseenstadt 2040 - eine Vision?
Gar nicht so zweckfrei und einzig zum Genießen wie ein Kunstwerk, so ganz ohne Gebrauchswert ist das Erstlingswerk der Leipzigerin Ricarda Stöckel nicht. »Neuseenstadt 2040«, so ihr Titel, deutet auf eine Utopie hin – die Kapitel des Buches zwischen Dienstag, 26. Juni und Sonntag, 15. Juli 2040 mit einem Epilog 15. Juli 2045 kündigen aber eher ein Tagebuch, einen Bericht an, ähnlich dem über die Pilgerfahrt des Hape Kerkeling. Aber 2001 ist nicht 2040. – Was kann man 2040 erwarten? Für intensiv Lebende in entsprechend jüngerem Alter mögen die 25 Jahre bis dahin schnell vergehen, für Zeitgenossen, die mit ihrem Horror vacui, ihrer Inneren Leere zu tun haben, mag die Zeit endlos erscheinen. – Worin besteht nun die ästhetische Attraktion des Inhalts der 217 Seiten, der unsere Wahrnehmung verdienen will? Mit Sachkenntnis und Fantasie breitet die Autorin raffinierte ausgefeilte Techniken der Kommunikation vor uns aus, die sie aufgrund sich heute ankündigender Entwicklungen einfach weitergedacht haben mag. Das könnte schon ein erster Leseanreiz sein. – Erzählt wird, was die Hauptfigur Jutta im Spätherbst ihres Lebens, sie ist 90, so umtreibt. Nach und nach erfahren wir aus Rückerinnerungen und Gesprächen mit einer »Medialistin« und anderen ihren Lebenslauf, dessen Eckpunkte der Verlust des Arbeitsplatzes mit 60 und ihr Einstieg in die Welt einer erfolgreichen Unternehmerin danach – dank einer originellen Geschäftsidee – sind. Aus Neuseenland im Südraum von Leipzig ist längst ein Teil von Neuseenstadt geworden. Jutta Herbst steht einem erfolgreichen Unternehmen vor, das unter »Service-Aktiv« firmiert. Was heute noch bei der sozialen Betreuung älterer Menschen nebeneinander läuft, ist in dieser Dienstleistungsagentur ergänzt und zusammengefasst und möglich durch die Verbindung von Körper und Technik für eine bessere Lebensqualität. – Willkommen im Knopfdruck-Zeitalter der medizinischen Kontrolle von Wohlbefinden und Gesundheit, der verfügbaren Mobilität und der Rundum-Information über alltägliche Bedürfnisse und Wünsche und deren Befriedigung! Wer eine entsprechend präparierte Armbanduhr bei sich hat, wird ständig von einer virtuellen Krankenschwester überwacht – zum Beispiel. Bei der Service-Aktiv-Agentur gilt das Entree: »Wir tun etwas für Sie, was können Sie für sich tun?« In dieser Firmenphilosophie und dem Vorbild der Hauptfigur im Buche, Jutta, verknappt ist die Vision, die Autorin Ricarda Stöckel ihrem Buch vorangestellt hat: Das Wort vom TUN nach Goethe sei »Eine Vision für Menschen, die die Zukunft für sich und andere aktiv gestalten, die das Glück haben, nicht jung sterben zu müssen, die das Alter mit seinen Beeinträchtigungen ertragen und die die Chance ergreifen, jede Lebensphase sinnvoll zu nutzen«. In der beschriebenen Geschäftsidee und dem in diesem Satz »Wir tun etwas für Sie …« gezeigten Verhältnis zu den betreuten Menschen sowie der Beschreibung des Konzepts der Wohnanlage und deren Entwicklung, der Würdigung eines Sicherheitskonzepts für Sachsen und anderen Anregungen zeigt sich der Gebrauchswert der Lektüre, ein Gebrauchswert, der eigentlich nur der expositorischen Sachliteratur (im Gegensatz zur poetischen, der schönen Literatur) eigen ist. – Die Autorin bedient sich einer gehobenen Alltagssprache, die Darstellung ist in einer bündigen Weise bereichert durch Lebens- und Alltagserfahrungen samt familiären Hintergründen und Kümmernissen (gescheiterte Ehe, gebrochenes Verhältnis zu Tochter, Enkelin und Freundin, das wird ausführlich beschrieben, sowie Meinungen wie zum Umgang mit Büchern (zur Freude eines Bibliophilen, sei angemerkt). Das Ganze wird es auch künftigen Historikern erleichtern, hieraus etwas über Lebensgefühl und Zeitgeist, vermittelt durch gelegentliche Rückblenden und Vergleiche, zu erfahren, was künftig und bei gelöschten E-Mails aus archivierten Traktaten, Akten und Dokumenten nur schwer zu rekonstruieren sein dürfte. – Heute aber ist das Buch auch für jüngere Leser geeignet, die interessiert sind an einem historischen Exkurs in die Vor- und Nachwendezeit mit ihren Brüchen, Enttäuschungen, Erwartungen und Erfolgen.
Peter Uhrbach, Markkleeberg


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